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comic 05-2013

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Eine `Comic Festival München´- Nachlese... Das diesjährige Comic Festival dürfte trotz Dauerregens um die Vielzahl der Veranstaltungsorte in der Münchner Innenstadt herum neue Bestmarken erreicht haben. Cinesoundz war vor Ort & hat sich einige der Preisträger und neu präsentierten Titel genauer angeschaut. Die hier versammelten Titel sind allesamt als TIPPs der Redaktion zu verstehen. Und wer es diesmal nicht in alle Locations geschafft hat - eine ganze Reihe Ausstellungen stehen Interessierten noch bis in die dritte Juniwoche hinein offen - bis dann ab 21.6. noch eine assoziierte Schau zu populären Wikingern im Comic im Jagd- & Fischereimuseum nachzieht.

Munch / Egon Schiele

 
 Steffen Kverneland - Avant * Xavier Coste - Knesebeck  
 
 

Auf einer intimen, gegen das DFB-Pokalfinale angesetzten Abendveranstaltung im Münchner Weltraum konnten sich des Englischen Mächtige einen Eindruck vom Ansatz zweier norwegischer Autoren/Zeichner bei ihren aktuellen, bei Avant erschienenen Künstlerbiografien verschaffen. Während sich Lars Fiske mit dem Dadaisten Kurt Schwitters auseinandersetzte, widmet sich Steffen Kverneland dem wohl bekanntesten skandinavischen Maler, Edvard Munch. „Ich werde mein eigenes Dogma-Manifest verfassen: Der ganze Text soll nur aus authentischen Zitaten bestehen...", lässt Kverneland sich in der gezeichneten Einleitung selber sagen, in der er mit Fiske 2005 die Munch-Ausstellung in Oslo besucht. Hier kam ihm die Idee zum vorliegenden Buch, an dem er sieben Jahre (!) arbeiten sollte. „Munch ist die perfekte Comic-Figur! Fast alles, was er gemacht hat, ist autobiografisch.“ Durch die Gegenüberstellung von Munchs Gemälden – z.B. 'Madonna', 'Das kranke Kind' oder 'Der Schrei' – mit ausgewählten Zitaten schafft Kverneland lebendige Porträts: sowohl des großen Malers als auch der ihn umgebenden skandinavischen Bohème des späten 19. Jahrhunderts. Erzählt wird in ausdrucksstarken, von der kubistischen Zeichenschule geprägten Bildern, die gut zum Wegbereiter des Expressionismus passen. Das erste Kapitel von "Munch" wurde prompt von der Norwegischen Nationalgalerie erworben. sr & gb www.avant-verlag.de Konventioneller, aber nicht weniger unterhaltsam gibt der junge Autor/Zeichner Xavier Coste sein viel beachtetes Graphic-Novel-Debüt - mit einer Biografie über Egon Schiele. In Stil und Farbigkeit an die Malerei des aufgrund seiner expressiven Akte umstrittenen Künstlers angelehnt, kreiert Coste „ein literarisch gestaltetes Porträt.“ Schiele ist ein Freigeist, gefördert und unterstützt von Gustav Klimt. Doch seine provokante Offenheit führt in der Wiener Gesellschaft kurz vor dem Ersten Weltkrieg zum Skandal – seine in expliziten Körperhaltungen und morbiden Farben dargebotenen Figuren gelten vielen als pornografisch. Als 'obszön' verurteilt, muss Schiele kurzzeitig ins Gefängnis. 1918 stirbt er mit nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe. Mehr als zwei Jahre lang hat sich Xavier Coste mit Leben und Werk Schieles beschäftigt, bevor er sein Thema in eine gelungene Bildergeschichte umsetzte. Für sein seinem kommendes Werk beschäftigt er sich derzeit mit dem französischen Dichter Arthur Rimbaud. gb www.knesebeck-verlag.de

 



 
 Kafka / A Tribute to Robert Crumb  
 David Zane Mairowitz & Robert Crumb - Reprodukt / Various Artists / Edition 52  
 
 

Ja, diese Künstler...Stargast Robert Crumb kultivierte bei seinen Pressekonferenz- und Podiums-Auftritten mit Agentin, Ehefrau Shelton (im Schlepptau zunächst sein Image als menschenscheuer, den Frauen hoffnungslos unterlegener, gleichwohl obsessiver Nerd. "I am no good in anything else than drawing - I can hardly dress myself in the morning." Gleichwohl stahl die neu erwachte Aufmerksamkeit um Crumb seinem ebenfalls eingeladenen, kaum minder berühmten Zeichner-Buddy Gilbert Shelton (Fat Freddy´s Cat, The Fabulous Furry Freak Brothers) meist die Schau. Mit der noch bis Mitte Juli laufenden Underground-Comix-Ausstellung im Karl-Valentin-Musäum wurde Shelton immerhin ebenfalls gewürdigt, weiterhin sind dort einige vom musikaffinen Crumb illustrierte Vinyl- und CD-Cover zu sehen. An (Reprodukt-)Neuerscheinungen anlässlich Crumbs erstem Festivalbesuch in Deutschland sei neben Neuauflagen der bekannt autobiographisch gefärbten Titel wie "Nausea" vor allem die zum Text von Autor Mairowitz erarbeitete Künstlerbiografie "Kafka" genannt, die zwischenzeitlich schon als Billigtaschenbuch bei 2001 verbraten worden war und nun mit neuem Umschlag im Format 16x21 vorliegt. Erzählungen wie "Die Verwandlung" werden als kompletter Comic integriert, von "Das Urteil" gibt es eine verdichtete Zusammenfassung. Für Crumb- und Kafka-Liebhaber gleichermaßen interessant. Crumb, die zweite. Seine 100 Seiten traut man dem Tribute Band und Katalog zur zweiwöchigen Ausstellung im Münchner Amerika Haus zunächst gar nicht zu. Das Interesse an diesem von den Comic-Festival-Chefs Michael Kompa & Heiner Lünstedt herausgegebenen Band teilzunehmen, war innerhalb der Szene riesengroß. Dementsprechend sind nicht nur Gattin Aline Kominsky-Crumb, Kollege Shelton oder Cover-Artist Charles Burns vertreten, der seine Zeichnung eigens kolorierte. Juan Diaz Canales & José-Luis Munuera (s.u.) oder Lars Fiske (s.o.), Jan Gulbransson, Christian Moser, Peter Puck, Jan Reiser, Gerhard Seyfried oder Laura Zuccheri sind ebenfalls unter den 80 Comic-Künstlern, die hier dem "Meister der Comix" die Ehre erweisen. Stilistisch (und qualitativ) geht es dabei naturgemäß recht heterogen zu, auch das Vorwort von Fil wird nicht jedermanns Sache sein. Dennoch in jedem Fall ein empfehlenswertes Comic Festival-Souvenir. sr

 


 
 
 Jimmy Corrigan 
 Chris Ware - Reprodukt  
 
 

Das hohe Niveau des Reprodukt-Rosters schlug sich in diesem Jahr verdientermaßen bei der Peng!-Preisverleihung nieder. Neben "Hilda & der Mitternachtsriese" von Luke Pearson als bester europäischer Comic wurde "Jimmy Corrigan" von Chris Ware als bester nordamerikanischer Titel ausgezeichnet. Bemerkenswert, steht doch mit dem schon als Kind greisenhaft wirkenden Protagonisten ein linkischer Büroangestellter im Mittelpunkt, dessen banale Lebensgeschichte auf 384 (!) Seiten als eine Aneinanderreihung von Nichtigkeiten und alltäglichen Demütigungen in Szene gesetzt wird. Dies jedoch auf so gekonnte Art und Weise, dass der Band bereits bei seiner englischsprachigen Erstveröffentlichung zur Millenniumswende als Meisterwerk galt. In ein streng geometrisches Layout zwingt der mehrfache Eisner-Award-Gewinner Chris Ware Zeichnungen zwischen Ligne Claire und Infografik, die in ihrer Farbigkeit an die 50er Jahre erinnern und somit schmerzhaft zur Enge des Jimmy Corrigan-Kosmos beitragen. Wie viel Ironie und Humor dennoch in dem Comic stecken, wird am besten in der 'Gebrauchsanweisung'
auf der vorderen Umschlagseite erfahrbar – dank Reprodukt jetzt auch auf deutsch. sr & gb www.reprodukt.com

 

 
 
 Love 1 - Der Tiger  
 Frédéric Brrémaud & Federico Bertolucci - Tokiopop  
 
 

Händlern und dem Tokiopop assoziierten Verlagsstand der Edition Alfons förmlich aus den Händen gerissen wurde auf dem Festival der erste Band von "Love", der die Schönheit von Flora & Fauna feiernden Kooperation des italienischen Zeichners Federico Bertolucci mit dem französischen Szenaristen Frédéric Brrémaud. Das für die Manga-Spezialisten auf den ersten Blick untypische Werk "Der Tiger" fasziniert - gänzlich ohne Texte - mit seinen nah an der Grenze zur Animation Art gemalten, schwelgerisch kolorierten Naturszenen. Auch der König des Dschungels hat sich im täglichen Überlebenskampf zu behaupten...Mehr sei zur Handlung nicht verraten, doch die etwa 70 Seiten sind ein Genuss. Zunächst wird es zwei Bände geben, über den Fortgang der Serie konnte der im Rahmen des Themenschwerpunktes Italien auch zum Künstlergespräch gebetene Zeichner leider noch keine konkreteren Angaben machen. Zunächst wird bald ein etwas kleinerer, zudem auf einem Auge blinder Räuber im Mittelpunkt des zweiten in Deutschland im August veröffentlichten Bandes stehen - "Der Fuchs". Watch this space... sr

www.tokyopop.de

 
 
 
 Riekes Notizen 
 Barbara Yelin - Reprodukt 
 

Als die Frankfurter Rundschau 2011 bei Barbara Yelin wegen der Gestaltung eines täglichen Comic-Strips anfragte, griff diese nach ihren düsteren Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Graphic Novel 'Gift' - 2010 bei Reprodukt erschienen - zu den Buntstiften und kreierte humorvolle Szenen aus dem Alltag der digitalen Bohème. Wie Yelin, ist die mit lockerem Strich gezeichnete Hauptfigur Rieke freiberufliche Illustratorin in Berlin-Kreuzberg - ergänzt um ein paar Schrullen und eigenwillige Freunde. Rieke ist ständig knapp bei Kasse, spricht mit ihrem Kühlschrank, plagt sich mit kreativen Blockaden, dem Grübelmonster und ihrem Mitbewohner-Nerd John herum - und verbreitet beim Leser zuverlässig gute Laune. "Es war schon eine Herausforderung, sich über Monate jeden Tag eine Kurzgeschichte in vier Panels auszudenken und zu produzieren", erzählt Barbara Yelin während der Vorstellung des gerade erschienenen Sammelbandes. Die künstlerisch vielseitige Münchnerin ist inzwischen von Berlin wieder in die bayerische Hauptstadt gezogen und arbeitet an ihrer nächsten Graphic Novel - wir sind gespannt. gb

 

 
 
 Fraternity  
 Juan Diaz Canales & José Luis Munuera - Ehapa Comic Collection  
 
 

Der Spanien-Schwerpunkt des letzten Comic Festivals war vielen noch in guter Erinnerung. Im Instituto Cervantes fand auch heuer, in der noch bis zum 23.6. bei freiem Eintritt laufenden kleinen Ausstellung zum neuen Comic "Fraternity", ein simultan übersetztes Künstlergespräch mit dem Zeichner J.L. Munuera statt. Der auch in Sachen "Spirou-Jubiläum" zum Festival Eingeladene, der an 2 Tagen auch fleißig signierte, berichtete aus erster Hand, wie seine atmosphärischen Umbra-Tableaus (Colorierung von Sedyas) zur Canales (u.a. "Blacksad")-Geschichte um eine während des US-Sezessionskrieges von einem geheimnisvollen Monster heimgesuchte (sozialistisch strukturierte!) Gemeinde entstanden. Aus dem zuweilen an M. Night Shyamalans "The Village" erinnernden Setting entwickelt sich von Beginn an ein veritables Lesevergnügen, das nach 56 Seiten leider schon wieder unterbrochen wird. Wie schon "Zauber" (mit dem belgischen Autoren Dufaux) ist "Fraternity" auf nur zwei Teile angelegt. Im August wird der abschließende, zuerst in Frankreich bei Dargaud erschienene Band auch hierzulande in deutscher Übersetzung (von Uwe Löhmann) veröffentlicht. sr www.ehapa-comic-collection.de/index.php/cat/c1080_fraternity.html?view=reihenintro

 

 
 
 Steam Noir - Das Kupferherz 3  
 Felix Mertikat & Verena Klinke - Cross Cult  
 
 

Wieviel Zeit, Gedankenaustausch, Sorgfalt sowie Liebe zum Detail und zu den Protagonisten in der Entwicklung einer Graphic Novel stecken, konnte man erleben, als Zeichner Felix Mertikat und Autorin Verena Klinke aus dem Nähkästchen plauderten - anlässlich der Veröffentlichung des dritten Bandes ihrer mit dem Sondermann-Preis der Frankfurter Buchmesse gekrönten Steam Noir-Saga . "Ich muss immer den ganzen Hintergrund samt aller Details zeichnen, weil ich nie rechtzeitig weiß, wieviele Sprechblasen wo hinkommen", beschwert sich Felix schmunzelnd. "Dabei beschränke ich mich schon auf nur einen Satz...", gibt Verena contra. Um die Erzählung über wiederkehrende Seelen aus dem Totenreich und eine gewalttätige Untergrund-Organisation haben die beiden eine bizarre Steampunk-Welt erschaffen. Diese ist viel detaillierter ausgearbeitet, als der Leser schließlich anhand des stimmig im Retro-Look & mit gekonntem Lichteinsatz versehenen Artworks zu Gesicht bekommt. "Keine Ahnung, wie viele Gigabyte ungenutzten Materials auf meinem Rechner lagern...", sagt Felix, der diesmal wieder selbst kolorierte. "Mit den Zeichnungen zu Band 4 bin ich jedenfalls schon fertig", flunkert er mit einem Augenzwinkern In Richtung seiner Autorin. "Sonst arbeiten wir eigentlich ganz harmonisch zusammen", sagt die nur trocken. Das Künstlergespräch beim Comicfestival lieferte so einen lebhaften Einblick in die Kooperation zweier sich kongenial ergänzender Talente. gb www.cross-cult.de

 

 
 
 Transmetropolitan 1 - Schöne Neue Welt 
 Warren Ellis & Darick Robertson - Vertigo / Panini 
 

 
 

Gonzo-Journalist Spider Jerusalem wird vom Verleger, dem er noch zwei Bücher schuldet, aus seinem Berg-Refugium zurück in das wahnwitzige Chaos der Stadt beordert. Dieser absurd überdrehte Moloch, in dem es von genmanipulierten Menschen, drogensüchtigen Maschinen und bizarren Sekten nur so wimmelt, ist Schauplatz der Cyberpunk-Comicreihe von Autor Warren Ellis & Zeichner Darick Robertson. Mit Sarkasmus, zum Teil ätzender Sprache und bunt-quirligem Artwork erzählen die beiden von einer Zukunft, die letztlich ein negatives Zerrbild unserer jetzigen Gesellschaft ist. Rücksichtslos fluchend, rauchend, ballernd und prügelnd kämpft Spider Jerusalem gegen Machtmissbrauch und soziale Missstände an - und es gibt jede Menge Opponenten, denen er in den Hintern treten kann. Ihm dabei zuzusehen macht richtig Spaß, obwohl - oder weil - auch er nicht gerade ein Gentleman ist. Doch Jerusalem hat Prinzipien, Gemeinschaftssinn und einen Drang, die Wahrheit ans Licht zu bringen - ein Journalist, wie man ihn sich heute öfter wünschen würde... Das düstere, aber unterhaltsame Cyberpunk-Meisterwerk wurde erstmals in den Jahren von 1997 bis 2002, in 60 Folgen bei DC Comics, veröffentlicht. Panini präsentiert nun die gesamte Story in fünf dicken Bänden. Gerade erschien die Nummer eins: Schöne Neue Welt. gb www.paninicomics.de

 


 
 

 
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