Reviews Catalog 01-2015

    * soundtrack * crossover * pop/rock * catalog * jazz * electro * world * x-mas-special *
     Disco
     
     Various Artists - Soul Jazz / Indigo TIPP! & VINYLTIPP * film * comic * book *
     
     
     
    Bevor die Majors & diverse Rock-Acts auf den "Saturday Night"-Zug aufsprangen, regierten Indiefirmen einen überschaubaren Genre-Markt. "A Fine Selection of Independent Disco, Modern Soul and Boogie 1978-82" verspricht der Untertitel der vom Insider Disco Patrick verantworteten aktuellen Soul Jazz-Zusammenstellung rarer Disco-Perlen. Das Versprechen wird gehalten. Die Compilation erscheint als Doppel-CD & (zweifache) Doppel-LP incl. Download-Code, zeitgleich mit dem 360 Seiten starken, englischsprachigen Bildband "Disco - An Encyclopedic Guide To The Cover Art Of Disco", der mit seinen rund 2.000 nach Labels wie Parachute, Chocolat City oder De-Lite geordneten Albumcovern, einer Einführung von Tom Moulton und zahlreichen Interviews wie der ultimative phonographische Katalog der Disco-Bewegung daherkommt. Da ist es legitim, sich im 20-seitigen CD-Booklet auf die Linernotes zu jedem Track (Autor: S. Baker) und die Abbildungen aller Original-Labelsticker zu konzentrieren. Unter den 19 `hard ot find disco gems´ sind u.a.Superfunk aus Miami, Jupiter Beyond aka Phillip Lightfood aus dem Sister Sledge-Umfeld, The Sunburst Band mit ihrer Hommage an Boxer Larry Holmes oder die gleich zweimal vertretenen Alemm Brothers, Ex-WG-Genossen von Jimi Hendrix. Wayne Ford bringt gleich 13einhalb Minuten NY-Discosound auf die Rille und John Gibbs & The U.S. Steel Orchestra wünschen sich in heimatliche, tropische Trinidad... "but hey, don´t read - dance!" www.discopatrick.com
     

     
     
     90 Degrees of Shade
     
     Various Artists - Soul Jazz / Indigo TIPP! & VINYLTIPP
     
     
     
    Eben jenes Trinidad steht mit den Bahamas und Jamaica im Mittelpunkt der "90 Degrees of Shade", der ebenfalls im Hause Soul Jazz erstellten Compilation mit `hot jump-up island sounds from the Caribbean´. Auch diese Doppel-CD-Deluxe-Box (bzw. das zweifache limitierte Doppel-Klappcover-Vinyl incl. Downloadcode) ist das musikalische Begleitprogramm zu einem opulenten, großformatigen Bildband: "90 Degrees Of Shade: 100 Years Of Photography In The Caribbean - voll mit Getty Images-Fotografien aus 50 Jahren Unabhängigkeit in der Karibik. Dieses Kaleidoskop aus Kultur, Politik, Wirtschaft & Alltag wird eingebettet in 32 Mambo-, Calypso-, Goombay-, Mento- oder Merengue-Fundstücke, über die einige Details im informativem, überformatigen Booklet mit seinen wunderbaren Coverabbildungen zu erfahren sind. Wenn beispielsweise Mento-Bandleader Lord Lebby aus St. Mary mit seinen Jamaican Calypsonians schelmisch den "Dr. Kinsey Report" besingt oder eine der oftmals unterschätzten Kreuzfahrtschiffcombos, die Calypso Steel-O-Rama Band, ein astreines Agustus Pablo-Reggae-Cover auf ihren Steeldrums hinlegt, ergeben sich beim Hörer auch in der nördlichen Ferne karibische Glücksmomente.
    www.souljazzrecords.co.uk
     

     
     
     Sound System Roots  
     Varíous Artists - Righteous - Cherry Red / Rough Trade
     
     
     
    Wir bleiben in der Karibik - für eine musikalische Wurzelbelüftung. Die bei Cherry Red im Vertrieb vorliegende Righteous-Kopplung macht sich auf eine Spurensuche nach amerikanischen Rhythm & Blues-Stücken der späten 50er, die auch auf frühen jamaikanischen Sound Systems liefen. Und so lokale Rock Steady- und Ska-Produktionen mit beeinflussten, bis sich später zunehmend Reggae als dominierender Insel-Sound durchsetzte und von dort einen bemerkenswerten Siegeszug rund um die Welt startete. In der Ausstattung gewohnt spartanisch, sind hier immerhin frische, erhellende Linernotes von MOJO-Redakteur Dave Henderson enthalten - sowie auf der CD-Rückseite zwei "Reggae"-Lobeshymnen so unterschiedlicher Künstler wie Morissey und Johnny Greenwood von Radiohead. Aus saisonalem Anlaß sei vermerkt: es gibt hier sogar einen lupenreinen Weihnachtssong zu entdecken - viel Spaß beim Stöbern - von Bill Doggett & Ernie Freeman über Roy Brown & Fats Domino bis zu Laurel Aitken & Prince Buster.
     

     
     
     Hailu Mergia and the Walias - Tche Belew
     
     Awesome Tapes / Cargo TIPP & VINYL-TIPP
     
     
     
    Das Leben schreibt eben doch die besten Geschichten. In den frühen 80ern waren Ethio-Jazz-Veteran Hailu Mergia und andere Musiker seiner Band vor Repressalien des Mengistu-Regimes in ihrer Heimat nach einer Tour in die USA emigriert. Jahrzehntelang verdingte sich der äthiopische Keyboarder & Akkodeonist als Taxifahrer in Washington DC, ehe er von der kürzlichen Wiederveröffentlichung seines bizarr-interessanten Mid 80´s-Solo-Albums "..& his Classical Instrument..." erfuhr, das weitere Nachfragen auslöste. 2013 & im Oktober diesen Jahres absolvierte Mergia mit Begleitmusikern aus dem Westen dann wieder kurze Touren in Deutschland. Vor kurzem kam auch noch Re-Release des vorliegenden Cardboard-Albums in vier(!) Formaten (CD, LP, mp3 & Compact-Cassette!) dazu: der gesuchte Ethio-Jazz-Klassikers "Tche Belew" von Hailu Mergia and the Walias von 1977 war eine bahnbrechende Moment-Aufnahme aus der Szene von Addis Abeba: äthiopisches Liedgut in eleganten Arrangements, gespielt mit "westlichem" Instrumentarium unter Jazz- & Funk-Einfluß. "Musicawi Silt" etwa macht deutlich. wo Ensembles wie Soul Jazz Orchestra, Budos Band oder Shaolin Afronauts sich ihre Inspirationen holten. www.awesometapes.com
     

     
     
     dEUS - Selected Songs 1994-2014 
     Play It Again Sam / Rough Trade LIVE-TIPP
     
     
     

    Belgische Katalogpflege: Nach sechs Studioalben veröffentlichen dEUS aus Antwerpen eine Selektion ihres kreativen Schaffens aus zwei Jahrzehnten: "Selected Songs 1994 - 2014" - auf zwei CDs. Und diese Werkschau dürfte ihr zweifellos gekonnt dargebrachtes, aber auch kompromisslos eklektisches Oeuvre durchaus neuen Fans näherbringen. Indie und Noise, Pop und Jazz klingen da wechselseitig an. Melodien müssen sich da zunächst behaupten, setzen sich nach mehrmaligem Hören dann aber doch fest. Einen bisher unveröffentlichtest Stück gibt es auch: die Liveaufnahme von "Sun Ra", aufgenommen 2012 in Budapest. Sänger & Gitarrist Tom Barman und Violinist & Keyboarder Klaas Janzoons, die bis heute verbliebenen Gründungsmitglieder, ziehen aktuell Bilanz - auch live: Achtung - am 9.12. spielt Deus im Rahmen einer Europatour genau ein Konzert in Deutschland, und zwar im Berliner Postbahnhof. http://deus.be/

     

     
     
     Real World 25
     
     Various Artists - Real World / Indigo 
     
     
    25 Jahre gibt es Peter Gabriels nach Etablierung des WOMAD-Festivals und der Real World Studios ins Leben gerufenes Label bereits. Nach dem bemerkenswerten Big Blue Ball-Projekt von 2008, war es wieder an der Zeit, eine Leistungsschau mit einigen der herausstechensten Veröffentlichungen des Labels zu präsentieren. Dies geschieht hier auf 3 in einer schmucken Papp-Box mit 28-seitigem Booklet zusammengefassten Cds: Auf der ersten Highlights & Weichensteller wie Maestro Gabriel hímself, Little Axe, Adrian Sherwood, Nusrat Fateh Ali Khan oder Dub Colossus. Auf der zweiten "vergrabene Schätze" wie Divan Gaspayan & Michael Brook, The Creole Choir of Cuba oder Los de Abajo aus Mexico. Auf der dritten schließlich die Favoriten der Label-Fan-Gemeinde, wie das Afro Celt Sound System, Yungchen Lhamo, Sheila Chandra oder Papa Wemba. Leicht verspätete Glückwünsche also, Real World. Mach ruhig weiter so. https://realworldrecords.com/
     

     
     
     The Screen Scene starring Peter Nero
     
     Vocalion / In-Akustik
     
     

    2 in 1: Vocalion fasst aktuell zwei Alben des amerikanischen Pianisten Peter Nero aus den späten 60ern zusammen: sein Herb Alpert-Tribute von 1967, sowie "The Screen Scene" mit diversen Filmmelodien von 1966. Die Linernotes der letzteren LP von Mort Goode sind im sonst spartanischen Booklet, das eher ein Beileger ist, enthalten. Die insgesamt 24 Easy Listening- Tracks, darunter die Alpert-Klassiker "A Taste of Honey", "Spanish Flea" oder "Tijuana Taxi" einer- wie Versionen von "What´s New Pussycat?", "Chim Chim Cher-ee" oder "The Shadow of Your Smile" andererseits atmen jede Menge gepflegten Sixties-Zeitgeist und zeigen nicht nur Neros Fingerfertigkeit an der Klaviertastatur, sondern auch sein Händchen für Arrangements. Jene sind nämlich auf beiden in der New Yorker Webster Hall aufgenommenen Alben ausnahmslos von ihm. Das alles ist selbstredend in Stereo und `remastered from the original stereo tapes´. www.duttonvocalion.co.uk

     


     
     
     Craig Peyton Group - Pyramid Love / Crystal Winds - First Flight
     
     beide: Bbe / Alive 
     
     
    Zweimal Neues aus der Bbe-Reihe `Masters We Love´. Mit dem Album Pyramide Love, ursprünglich 1977 auf Broken Records veröffentlicht, trat der Musiker, Autor, Multimediaunternehmer, Arrangeur & Produzent Craig "Cloudman" Peyton mit seinem Ensemble erstmals ins Rampenlicht. Seine Mitstreiter korrespondierten mit den Köpfen von Band X (ebenfalls bei Masters We Love): Horn-Spieler Alan Grzyb, Bassist Victor Preston, Willie Upshaw an der Gitarre und Chris Meisel an Drums und Percussion. Peyton selbst bediente u.a. das Orgasmitron (sic!), eine Art Synthesizer. Etwas fahrige, amateurhafte Vocals ("Marjorie") stehen einigermaßen kompetentem Instrumentalschaffen gegenüber. Für 70s Fusion-Anbeter halt. Jetzt neu von den Originaltapes gemastert, verpackt im Original-Design der damaligen LP.

    Das zweite vorliegende, ursprünglich 1982 als Privatpressung auf Cash Ear (!) erschienene Album überzeugt da schon eher. Es stammt von Keyboarder Paul Coleman & Saxophonist Morris Cortez Brown (beide Ex-Rasputin´s Stash) aka Crystal Winds. Deren Chicago-Soul-Rarität "First Flight" liegt nun ebenfalls neu gemastert und im LP-Design von damals vor, nachdem ein Bootleg in mauer Qualität die Künstler vor etwa 10 Jahren nicht unerheblich erzürnt hatte. Gitarre spielte zuzeiten Martin L. Dumas, während J. Lagrone & Theresa Davis (weit gekonnter als Peyton) am Mikro agierten. Amtliche Streicher- & Bläser-Arrangements von Rich Tufo (u.a. Curtis Mayfield). Munteres Earth, Wind & Fire-Nacheifern, unverdient lange in der Versenkung verschwunden.
    www.bbemusic.com
     



     
     
     MFSB - Love Is The Message / Peter Tosh - Bush Doctor / Herbie Mann & Joao Gilberto with Antonio Calos Jobim - Recorded in Rio de Janeiro
     
     alle: Music on Vinyl / Cargo VINYL-TIPPS
     
     
     Last but not least dreimal empfehlenswertes Re-Release-Vinyl... 1 Die Phillysound-Combo MFSB (Mother Father Sister Brother) back´te als 'Haus-Band' von Philadelpia International u.a. Harold Melvin & The Blue Notes, The O'Jays, The Stylistics, The Spinners, Wilson Picket oder Billy Paul. Das Produzenten-Team Gamble & Huff war auch für das zweite MFSB-Album "Love Is The Message" von 1974 zuständig. Es kletterte bis auf #1 der R&B-Charts, dank der Single "T.S.O.P. (The Sound Of Philadelphia)", des Millionensellers, der zum TV- Titelsong von 'Soul Train' wurde. 2 Eines der absoluten Meisterwerke aus der Reggae-Hochphase: Peter Tosh´s "Bush Doctor", eine Hitsammlung erster Güte, die den Verlust des sperrigen Charakters Tosh bei jedem Hören umso schmerzlicher bewusst macht. Produziert von Tosh & Robbie Shakespeare. Sly saß an den Drums & Keith Richards hing zeitweise auch im Studio ab: Neben dem Titeltrack mit den Favourites "Don´t Look Back"(Duett mit Mick Jagger), "Soon Come" oder "Pick Myself Up". 3 Wunderbares Bossa Nova Album des Triumvirats Herbie Mann & Joao Gilberto sowie A.C. Jobim von 1965 - mit diversen Genreklassikern. Der amerikanische Flötist setzt bei fünf der Stücke deutliche Akzente und überlässt sonst den brasilianern Meistern das Feld. Inclusive einer interessanten, von Jobim auf englisch gesungenen "One Note Samba"-Version. Zweimal ist auch Baden Powell an der Gitarre dabei - "Recorded in Rio de Janeiro" - demnächst auch in Ihrem Plattenregal?
     
     
     
      

     
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