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30 Jahre DOK.fest II - Dok.money & Dok.guest CHINA

 
   

FESTIVAL-TIPPS II: DOK.money und DOK.guest China ...

Damit hatten die Festival-Macher nicht gerechnet: Das DOK.fest wird 30 – und alle wollten dabei sein. Anlässlich des Jubiläums lud das Deutsche Theater letzten Donnerstagabend zur Eröffnung. Lange Schlangen bildeten sich vor dem Gästelisten-Counter, sodass der Beginn des Eröffnungsfilms " The Circus Dynasty" von Anders Riis-Hansen – eine Liebes?geschichte aus der Zirkuswelt – um eine halbe Stunde verschoben werden musste. Mehr als 1.200 Gäste strömten über den roten Teppich in den roten Theatersaal. „Das sind wir so nicht gewohnt“, strahlte Eröffnungs-Moderatorin und Leiterin DOK.education Maya Reichert sichtlich überwältigt ins Publikum. Dieses Jahr dauert das DOK.fest sogar zehn Tage - bis zum 17. Mai werden 140 Dokumentarfilme aus 38 Ländern gezeigt. Mehr als hundert Regisseurinnen und Regisseure aus der ganzen Welt sind zu Gast, um ihre Filme selbst dem Publikum vorzustellen. Wie soll man sich da entscheiden?

Festivalleiter Daniel Sponsel selbst wies während der Eröffnung auf die Themenschwerpunkte Flüchtlinge und Finanzwirtschaft hin. Sieben Filme über Finanzwirtschaft und Wertesysteme bestücken die neuen Reihe DOK.money. Und das muss nicht dröge sein. Zwei Beispiele: In "Falciani und der Bankenskandal" geht es um den ungeheuren Datendiebstahl, der 2008 die Weltbanken erzittern ließ, das Schweizer Bankengeheimnis auflöste und allein in Deutschland tausende Selbstanzeigen entfesselte. Ben Lewis erzählt die Geschichte dank gutem Schnitt spannend wie einen Agententhriller: „Mein Ausgangspunkt war das Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Whistleblower Falciani und dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber.“ Nicht gerade ehrfürchtig und gespickt mit originellen Regie-Ideen kommt "Mammon – per Anhalter durch das Geldsystem" daher. Filmemacher Philipp Enders erklärt unter vollem Körpereinsatz die Funktionsweise des Finanzsystems in leicht verdaulichen Häppchen, inkl. alternativen Ansätzen wie Sozialwährung oder Aktienmarktsozialismus.

In der Gastlandreihe DOK.guest stehen dieses Jahr fünf starke Independent-Filme aus und über China auf dem Programm. Denn der chinesische Dokumentarfilm ist im Aufbruch: eine junge, global vernetzte Generation von Filmemachern spricht immer häufiger kritische Themen an. Auch wenn diese Filme nicht in den großen Kinos gezeigt werden, gibt es doch Möglichkeiten sie zu sehen. „Bei weniger als 50 Zuschauern läuft ein Screening unter 'private Vorführung' und muss nicht offiziell angemeldet werden“, verrät Ruby Chen von cnex.org.cn, einer durch private Mittel finanzierten Produktionsfirma, die an "Mothers" und "The Last Moose in Aoluguya" beteiligt ist. Im ersten Beitrag hat man einiges über die Konsequenzen der Ein-Kind-Politik für die Frauen erfahren. Der zweite Beitrag begleitet Weijia über mehrere Jahre, der zur ethnischen Minderheit der Rentier-Ewenken im Nordosten Chinas gehört. Von der Regierung in feste Camps umgesiedelt, droht den Halbnomaden, einen Großteil ihrer kulturellen Identität zu verlieren. Filmemacher Gu Tao berichtete beim Q&A nach dem Screening im Gasteig Vortragssaal von den Gefahren des Drehs in den abgelegenen Wäldern: „Wir hatten Glück, dass wir von den Getränken – manchmal ein selbst destilliertes Gebräu, zumeist jedoch ein Mix aus Industriealkohol & Wasser – nicht blind geworden sind. Ablehnen wäre unhöflich gewesen.“

"Sud Eau Nord Déplacer" dokumentiert in eindrücklichen, aber vor allem anfangs manchmal zu langen Einstellungen das bombastische Megaprojekt, das vor allem Peking und den trockenen Norden des Landes mit Wasser aus dem Süden versorgen soll. Umsiedlung, Korruption & Umweltzerstörung sind die Folgen. Erstaunlich, wie offen die Betroffenen vor der Kamera ihrer Verzweiflung und ihrem Zorn auf die Lokalpolitiker freien Lauf lassen. Berührend auch "Little People Big Dreams", der Kleinwüchsige im 'Dwarves Empire' einfühlsam porträtiert. Das Verhältnis der Themenparkbewohner zu ihrem Zuhause ist ambivalent: Draußen ist Diskriminierung an der Tagesordnung, drinnen ist man wenigstens unter sich und verdient mit Fotoposing & Kostümauftritten genug Geld, den eigenen Eltern finanziell nicht auf der Tasche zu liegen. Doch unter der fröhlichen Oberfläche verbergen sich verletzte Gefühle & sensible Seelen.

Wer jemals, wie Filmemacher J.P. Sniadecki für "The Iron Ministry", 30 Stunden in einem chinesischen Bummelzug verbracht hat, der weiß: ja, genau so ist es – beängstigend überfüllte Gepäckablagen, Passagiere in den abenteuerlichsten Schlafpositionen, der Boden bedeckt mit Zigarettenstummeln, Kürbiskernschalen, Plastikverpackungen, Knochen von Schweinefüßen – einem beliebten Reisesnack. Fast meint man, den allgegenwärtigen Geruch von Instant-Nudelsuppe aus dem Pappbecher in der Nase zu haben und das Geräusch des markant-kehligen Freiräusperns mit anschließendem Ausspucken im Ohr. Fünf Perspektiven auf das Leben in China – ganz nah dran. text: gb

CINESOUNDZ - MUSIKFIlM-Tipps: 30. DOK.fest München vom 7.-17.5. 2015