reviews world 04-2013

     

    * soundtrack * crossover * pop/rock * catalog * jazz * electro * world * film * comic * book *

     Rokia Traoré - Beautiful Africa / Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba - Jama Ko  
     beide: Outhere / Indigo  
     
     

    Drei Jahre immerhin sind seit dem letzten Album "Tchamantché" ins Land gegangen. Rokia Traoré posiert auf dem Cover von "Beautiful Africa" nicht umsonst barfuß, aber Ton in Ton mit einer E-Gitarre. "It was Rock music that made me wat to learn guitar." Unter den neun Eigenkompositionen finden sich neben dem schon im französischen Radio rotierenden "Melancolie" zwar meist für Traoré typische, langsamer getaktete Tracks, doch mit dem Titelstück wird es dann tatsächlich rockig - und unnötig angestrengt im Gesang, insbesondere im kurzen englischen Part. Die Stärke Traorés bleiben die auf Bambara vorgetragenen Balladen, bei denen die n´goni von Mitstreiter Mamah Diabaté das dominierende Klangfarbe bleibt, auch von RK hochgelobt: "N´Goni goes with blues or jazz, or rock´n roll - it´s a great instrument."

    Womit wir beim Thema wären, denn Ensembleleader Bassekou Kouyaté meldet sich ebenfalls nach längerer Wartezeit mit seinem dritten Outhere-Album zurück - "Mali´s n´goni ace returns" vermeldet das kleine Münchner Label stolz. BK´s Live- & Studioqualitäten sind mittlerweile international unbestritten und anlässlich des in Mali von den Islamisten geschürten Konflikts ergriff Kouyaté im März letzten Jahres zusammen mit den ebenfalls gerade im Studio befindlichen Khaira Arby und Vieux Farka die Initiative für "Mali Blues pour la Paix". Auch der Titeltrack des neuen Albums "Jamako" (Big Gathering) atmet den Geist des friedlichen Aufbegehrens gegen die Maßregelung durch religiöse Fanatiker. Neben Amy Sacko steuern diesmal auch Gäste wie Arby, Kassé Mady Diabaté oder Zoumana Tereta Gesangsbeiträge bei. Die N´Goni-Famille groovt in bewährter Form & Filius Moustafa bedankt sich artig bei Mere Amy & Pere Bassekou mit einem eigenen Song.

     


     
     
     Salif Keita - Talé / Rachid Taha - Zoom  
     Universal C&J * Naive / Indigo TIPP  
     
     
    Obwohl derzeit auf ausgedehnter Frankreich-Tournee, stellte Mandinka-Pop-Großmeister Salif Keita unlängst im Interview in den Raum, "Talé" könnte sein letztes Album gewesen sein. Dafür klingt sie allerdings recht lebendig, die Zusammenarbeit mit Philippe Cohen Solal vom Gotan Project, der um Keitas charakteristischen Gesang herum einen einfallsreichen Wall of Sound bastelt, in dem man (auf "Samfi") sogar verhallte B-52´s- Gesangsspuren ausmacht. Derart schräge Einfälle sucht man im World-Establishment meist vergebens. Und es wird noch mehr geboten, Kindergesang zum Discobeat von "Yalla", Bobby McFerrins Vokal-Manierismen in "Simby" oder das Zusammentreffen mit Roots Manuvas Dubspielereien: "C´est bon, c´est bon". "Talé" groovt. Wollen wir doch hoffen, das Keita sich geirrt hat und sich womöglich noch einmal mit Solal & Konsorten einlässt.

    Wenn es vom Rai-Chefcowboy Rachid Taha Neues zu hören gibt, ist unsere Aufmerksamkeit gesichert. Die knallige Rückeroberung des frechen Clash-Titels "Rock The Casbah" ist unvergessen. Und nun gibt es da auf "Zoom" gar einen Gastauftritt von Mick Jones (bei "Algerian Tango"). Zudem begibt sich Taha für das Album in die Produzentenhände des erklärten Clash-Fans & World-Grenzgängers Justin Adams (Juju). Ob der RT etwa den Tipp für eine "O Sole Mio"/"It´s Now or Never"-Coverversion, die hier als Track Nummer 4 ihr hässliches Haupt erhebt, gegeben hat? Danach jedenfalls bekommt Taha, trotz fortgesetzen Bemühens um die Fusion von Rai- und Rock-Groove, irgendwie die Kurve nicht mehr - obwohl neben Jones noch weitere illustre Gäste wie Brian Eno oder Femi Kuti ihre Visitenkarte abgegeben haben. Wir sind milde enttäuscht.
     




     
     
     Mop Mop - Isle of Magic  
     Agogo - Alive TIPP  
     
     
    Ein fesselnder Klangkosmos aus Exotica, Afrobeat, Jazz, Latin, Dub & Soul incl. einer ordentlichen Portion Voodoo kommt mit Mop Mop über den Hörer. In Woody Allens eher müdem Italien-Ausflug "To Rome With Love" fiel ein Stück des italienischen Kollektivs um Studio-Wizzard Andrea Benini wie "Three Times Bossa" kürzlich positiv auf. Dennoch erzeugt die Mop Mop-Mixtur vielmehr aktiv eigene Bilder, als für den filmischen Background zu taugen. Tolle Vocals von Anthony Joseph & Sara Sayed. Vintage-Spirit und liebevolles Gefrickel an den atmosphärischen, durch Vibraphon, Kalimba oder Steel Pan tropisch angmutenden Klängen komplettieren den Soundtrip. Ab auf Insel der Magie.

    www.mopmop.com
     
     
     
     Illion - UBU  
     Warner Japan  
     
     
    Auch im japanischen Musikmarkt sind die ganz fetten Jahre vorbei. Mit schöner Regelmäßigkeit versuchte Nippons Musikindustrie während ihrer CD-Glanzzeiten in den 80ern & Neunzigern Eigengewächse mit heimatlichem Superstar-Status auch über ostasiatische Grenzen hinaus zu exportieren. Dabei holte man sich meist, von Ausnahmen wie dem stilprägenden Yellow Magic Orchestra abgesehen, eine blutige Nase. Mit dem "Illion"-Projekt von Yojiro Noda knüpft Warner Japan an die durchwachsene Tradition an - und wird wohl ebenfalls Schiffbruch erleiden, obwohl die Basis für japanisch Gesungenes mit den Millionen Manga- & Anime-Fans im Westen sich verbreitert hat. Noda wird es verschmerzen. Der Radwimps-Frontmann verkauft in Asien Millionen von Alben und lanciert sein erstes Solo nun versuchsweise gleich international. Je englischer es klingt, desto austauschbarer wird es dabei im elektronisch vertrackten, aber etwas steril & orientierungslos geratenenen "UBU", zumal Noda sich immer wieder an Balladen versucht, aber kein besonders aufregendärer Sänger ist. Play Track 4 "Mahoroba". (englische Texte wurden dem Booklet für die internationale Version beigefügt). Beehive-Video www.illion-web.com  
     
     
     Bajofondo - Presente  
     Sony Classical  
     
     

     

    Das dritte Studioalbum "Presente" vom Ensemble um den allerorten preisgepamperten Gustavo Santaolalla kann man eher als Enttäuschung bezeichnen. Nach dem stimmigen Debüt "Bajofondo Tango Club Vol. 1" von 2003 und dem Nachfolger von 2007 "Mar Dulce" lag die Messlatte zwar hoch, vielleicht ist das Electrotango-Genre aber auch mittlerweíle zu ausgereizt, um weitere fruchtbare Begegnungen zu garantieren. Santaolalla versucht es hier meist mit uptempo-Disco- und -Rock die auf Tango- & Milonga, auf Bandoneon und Piano treffen. Soweit so mäßig, aber noch störender wirkt in diesem Kontext der irgendwie altmodische Orchester-Wall of Sound drumherum. "Die Musik stammt zwar direkt aus Rio de la Plata und hat einen typischen Klang, ist aber zugleich universal." Mittlerweile leider auch universal unspannend.

     

     
     
     Koby Israelite - Blues from Elsewhere  
     Asphalt Tango / Indigo  
     

    Der manchem vielleicht von seinen immerhin vier Alben auf John-Zorns Tzadik-Label bekannte Multiinstrumentalist aus South London vermeidet auch mit seinem neuen Album für Aspahlt Tango jede Schubladisierung. Der in Israel geborene Musiker beherrscht nicht nur das Akkordeon, sondern lässt von Metal über Duduk-Klänge bis Avantgarde alles in seinem "Blues From Elsewhere" unterkommen. KIs Abenteuerlust kann dabei auch mal auf Kosten der Durchhörbarkeit gehen, im ersten Durchgang bleibt man jedenfalls unweigerlich am Schluß hängen, einer Akkordeon-Version von Led Zeppelins "Kashmir".

    www.kobyisraelite.com
     

     
     
     Annuluk - Ushna  
     Kick The Flame / Broken Silence  
     

    Das Leipziger Bandkollektiv um Songschreiberin MIchaela Holubova aka Misa und deren überwiegend lautmalerische Gesänge tritt mit gewaltigem Anspruch an. `Archaische Spiritualität und technoide Zeitgenossenschaft´ sollen in einem immer wieder mal an Mari Boine oder die Voix Bulgares gemahnenden Wall of Sound zusammenfinden. Instrumental wird einiges neben Bass-Gitarre-Schlagzeug & Elektronik aufgeboten, von N´goni, Tabla und Gambe bis zum Marimbaphon. Manchmal wird es dann nicht nur gesanglich etwas zu Viel des Guten. Mit der Vielzahl von musikalischen Einflüssen macht sich das Ensemble allerdings das Leben selbst etwas schwer. Zudem stehen nach dem Albumrelease kaum Livetermine an, um die Fanbase außerthalb Leipzigs auszuweiten. Esoterik & Fantasie allein werden es kaum richten. www.annuluk.net
     



     
     
     

    Yesking - Re-record Not Fade Away TIPP! / The Lions - This Generation TIPP!

    Balkan Reggae

     
     Bbe / Alive * Stones Throw / Groove Attack * Asphalt Tango / Indigo  
     
     
    Und was gibt es Neues von der Reggaefront? Eins, zwei, drei...
    Der originär jamaikanische Riddim ist eindeutig die wichtigste Zutat im Soundmixtur, die der Londoner Produzent & Studiochef Rhys Adams aka Yesking aktuell veröffentlicht. Soul- und HipHop-Einsprengsel komplettieren "Re-Record Not Fade Away". Der Albumtitel ist eine Referenz an alte Scotch-Videotapes und eine noch antikere Bandmachine hat es mit der 1/4inch Ferograph auf das Backcover geschafft. Gastsänger brauchts natürlich auch bei einem solchen Projekt. Yesking ist auch da gut aufgestellt, Togos Afrobeat-Shouter Kodjovi Kush, die Dancehall-Fachkräfte Lady Chann und Kenny Knotts, Annie Bea oder Rapper Mystro geben hier ihren Senf dazu.
    www.yeskingrecords.com www.bbemusic.com

    "This Generation won´t use the music to fight." Das kalifornische Reggae-Dutzend The Lions hat Ubiquity verlassen & erweitert mit seinem zweiten ´old school´-Album das Roster von Peanut Butter Wolfs renommierten Label Stones Throw, bisher für Acts wie Madlib, Mayer Hawthorne, Breakestra oder Aloe Blacc bekannt. Aus den mobilen Lions-Soundsystem kommt eine angenehme Mischung in Gesang & Instrumentierung soulbeeinflusster Reggae- , Rocksteady- & Dub-Tracks. Federführend die Breakestra-Fachkräfte Dan Ubick & Todd Simon, am Mikro u.a. Black Shakespeare (tatsächlich ein Cousin von Robbie Shakespeare, dessen modifizierter Ice-cream Van auch das Cover ziert), Malik "Falsetto" Moore oder die ska-erfahrenenen Detson Berry & Alex Désert von den Hepcats.
    www.stonesthrow.com Dub-Version des Titeltracks im Netz

    Und auch die in einer ganz anderen Ecke der Welt die Lauscher aufspannenden Spezialisten von Asphalt Tango haben in ihrem Resort Reggae ausgemacht - natürlich mit osteuropäischem Touch. Die Gruppe Mahala Rai Banda aus Bukarest veröffentlichte 2009 ihr Album "Ghetto Blasters", das den extrem erfolgreichen Titel "Balkan Reggae" enthielt. Diesen Instrumentaltrack bekamen aus Anlass des an dieser Stelle zur Genüge ausgebreiteten 50. Jahrestages der Unabhängigkeit Jamaikas Genregrößen wie Mad Professor, Nick Manasseh & Gregory Fabulous, G-Vibes (feat. Errol Linton aus Brixton), Vibronics, als auch Labelkollegen wie Koby Israelite (s.o.). oder La Cherga zur Bearbeitung vorgelegt. Im Ergebnis eben: Balkan Reggae. Allover de worl´...
     

     




     
     
     Arabic Revolution / Latin Psychedlia / African Disco TIPPS!  
     Various Artists - alle: World Music Network - Harmonia Mundi  
     
     1 Schnell reagiert hat das Rough Guide Team mit einer Zusammenstellung von Daniel Rosenberg zum sogenannten "Arabischen Frühling". Lohnend schon allein, weil nicht nur ägyptische Stimmen dabei sind, sondern auch tunesische, libanesische und palästinensische Musiker berücksichtigt wurden. Als Bonus gleich 16 Songs des kurzzeitig am Tahrir Square inhaftierten Protestbarden Ramy Essam. 2 Auch die Rough Guide-Kompilatoren greifen die Retro-Psychedelic-Welle auf, hier zunächst mit einem breit gestreuten Latin America-Kaleidoskop. Von Joe Cubas "Psychedelic Baby"-Opener über die auch auf der Bonus-CD gefeaturten Los Destellos aus Peru bis hin zu Exil-Kubaner Juan Pablo Torres kann nachvollzogen werden, was die Startvoraussetzungen für Santanas Welterfolg in den 70ern waren. Und auch zeitgenössische Vertreter wie Ocote Soul Sounds mischen mit. 3 Vielversprechend geht es optisch & musikalisch los, mit Nigerias Tee Mac Collection. Dann wird es leider zunehmend Südafrika-lastig & etwas richtungslos in der von Phil Stanton & D. Raymond-Barker zusammengestellten "African Disco"-Compilation - trotz großer Namen wie Tony Allen, Manu Dibango oder Osibisa. Und die Bonus-CD kommt diesmal mit durchgenudelten & von Vincent Nguni And Maloko zudem recht einfallslos & cheap nachgespielten Mainstream-Soul-Heulern von "Stand By Me" leider absolut verzichtbar daher.  
     
     
       

     
     Previous Issue: 2/3 - 2013 © cinesoundz 2013

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