world 08-2013

    * soundtrack * pop/rock * catalog * jazz * electro * world * film * book *
     Snoop Lion - Reincarnated / Sizzla - The Messiah 
     RCA / Universal * Kalonji - Vp / Groove Attack  
     
     

    "Wir haben uns auf die Suche nach dem wahren Reggae begeben - und der Friedens- und Hoffnungs-Botschaft, die er in sich trägt." Inwieweit man Gangsta- & Porno-Bösbube Snoop Dogg seine Wandlung zum Lion of Whatever abnehmen soll, sei dahingestellt. Kommerziell scheint zu funktionieren, was für das reggae- & dancehallfizierte "Reincarnated" unter der Regie von Diplo aka Major Lazer angerührt wurde. "Lighters Up" tauchte nicht zuletzt wegen der Beteiligung der (zuvor eher verfeindeten) Dancehall-Artists Mavado & Popcaan planmäßig in den jamaikanischen Charts auf (s.u. Reggae Gold 2013). Andere Jamaika & US-Guest-Appearances kommen von der New Yorker Sängerin Angela Hunte, Grammy-Preisträger Drake, Chris Brown oder Busta Rhymes - und Teeniestar Miley Cyrus. Mega-Aufwand für Snoop D-Dogs - pardon - Lions´ Läuterung zum ganja-guten Friedensfürsten: Die Doku "Reincarnated" war sinnigerweise im Wettbewerb des Toronto Film Festivals vor der dortigen, veritablen jamaikanischen Community als Premiere zu sehen.

    Und noch eine populäre Zwielichtgestalt steigt aktuell vom Reggae-Olymp, um sich geläutert als "Messiah" zu inszenieren. Auf dem künstlereigenen Label Kalonji Music veröffentlicht der aufgrund herzhaften Gay-Bashings mehrfach indizierte, in den Blue Mountains komfortabel & waffenstarrend verschanzte Boboshanti-Rasta Sizzla aka Miguel Collins hier einmal mehr musikalisch teils nicht unattraktiven (Modern) Roots Reggae. Diesmal insbesondere mit Babylon-kritischen Texten ("Africa ist the Center of attraction"). Für (insbesondere live) rätsel- oder zweifelhafte Lyrics ist Sizzla weiterhin zu haben und bespielt so weiter den schmalen Grat der öffentlichen Meinung in Jamaica & Übersee. Charakteristisches Stilmittel erneut der sich gern leicht überschlagende Gesang. Sizzla "No Wicked Man" oder was? "No evil man can not conquer the land of Salaman..." Mission "Messiah" - Ausgang unclear. www.sizzla.org/

     



     
     Batida De Colonia 
     Büro 9  
     
     
    "Ist Godard nun also auch in Rio angekommen?" Zumndest in Colonia offenbar. Am Rhein nämlich wird die mit Lokalkolorit aufwendig verpackte Mischung aus Samba, Bossa Nova, Mambo, Cure-Coverversionen ("Friday, I´m In Love") und deutschen (Lese-)Texten angerührt. Batida de Colónia lassen sich von Latino-Ikonen wie Tito Puente, Cal Tjader, Marcos Valle, Astrud Gilberto oder Jorge Ben inspirieren - ohne Berührungsängste. Federführend einmal mehr der umtriebige Thomas Berghaus aka Shareholder Tom - diesmal gemeinsam mit der Kölner Gitarristin, Schauspielerin & Sängerin Anna Gaden. Neben der offensichtlichen Hommage an die Musikkultur Latein-Amerikas der 50er bis 70er Jahre sind auch Brüche einkalkuliert - es kann sich schon mal schwer (unnötig) nach Element of Crime anhören ("Delmenhorst") - Batida de Colonia ist derzeit offensichtlich noch eine - mit viel Enthusiasmus bespielte - Baustelle. www.batida-de-colonia.de 

     
     
     Simba & Milton Gulli - The Heroes / Kalahari Roses - Tales From Botswana 
     Bbe / Alive * O-Tone Music  
     
     

    Das "Tribute To A Tribe" im Untertitel von "The Heroes" meint: A Tribe Called Quest, die renommierten Eastcoast-Hip Hopper, Quelle der Inspiration und Quelle positiver Energie auch für Simba & Milton Gulli. Während ersterer sich nicht nur als einer der wenigen englisch rappenden Vokalisten im offiziell immer noch portugiesischsprachigen Mosambik behauptete, sondern auch in Südafrika erste Erfolge feierte (u.a. im Vorprogramm von Mos Def beim Auftritt in Johannesburg), sammelte Produzent & Sänger Milton Gulli Musik-Biz-Erfahrungen außerhalb Afrikas, bis er 2011 ebenfalls nach Maputo übersiedelte und dort beschloß, mit Simba zusammenzuarbeiten. Erster gemeinsamer Nenner - die gemeinsame Vorliebe für Hip Hip im Allgemeinen und für A Tribe Called Quest im Besonderen... www.facebook.com/simbamiltongulli

    Für "Kalahari Roses: Tales from Botswana" kamen Musikern des südafrikanischen Landes 2012 in der botswanischen Hauptstadt Gaborone und der Band Celtic Fusion zusammen. Die Initiatoren Norbert Völker (Vl), Peter Herrmann (git.,b.) & Sänger Don O´Connor trafen damit erneut auf Ethno Jazz-Bandleader Kabo Leburu, den sie noch vom gemeinsamen 3- stündigen Konzert beim Jazz Festival im Botswanacraft kannten. Kearoma Rantao, Nnunu Ramagotsi und Punah Gabasiane aka Women of Jazz , und Shanti Lo standen ebenfalls am Mikro, während die Rhythmusgruppe: sich aus Kabelo Tamukate (b) sowie den Drummern Leroy Nyoni & Wynton Senwelo (drums) rekrutierte. Manchmal etwas brav: "Africa, Africa...". See for yourself: Im August und September ist das Projekt auch live in Deutschland: 30.8. Mainz, Frankfurter Hof / 31.8. Löhnberg, Mehrgenerationenhaus/ 04.09. Kassel, Schlachthof / 6.9. Wetzlar, Franzis / 7.9. Fulda, Kulturfest Löherstraße / 10.9. Marburg, Waggonhalle / 12.9. Lich, Kino Traumstern / 14.9. Giessen ZiBB ( incl. Vortrag über die Kultur Botswanas).

     


    LIVETIPP

     
     
     Batucada Sound Machine - B2kda 
     Gmo / Rough Trade LIVETIPP 
     
     

    Rechtzeitig zur in München gestarteten Europatour im Juli & August erschien mit "B2KDA" das neue Album von Neuseelands Exportartikel Batucada Sound Machine. Mit energetischen Liveauftritten in der zehnköpfigen Tourbesetzung hat sich die Band schon eine veritable Fangemeinde in Europa erspielt. Die Mischung aus brasilianischen Beats, Ska- & Reggaeanleihen, Funk´n Soul, Rock, Hip Hop- und Afro-Grooves der aus Maori, neuseeländischen, brasilianisch- und afrikanisch-stämmigen Musikern kommt auch beim deutschen Sommer-Publikum an. Gesungen wird mehrsprachig und wer innerhalb des Multikulti-Kollektivs ohne klare Leader die Songs schreibt, bleibt im Dunkeln. Einer für alle - alle für einen.

    www.b2kda.com/ www.facebook.com/b2kda

     
     
     
     Matuto - The Devil & The Diamond 
     Various Artists - Neo Membran / Sony 
     
     

    Das afro-brasilophile `Appalachen meets Forró´-Ensemble Matuto aus Brooklyn hat aktuell ihre zweite CD am Start. Die `Bauernlümmel´ (der Bandname im Nordeste-Slang von Recife) Clay Ross (git.) & Rob Curto (accordeon) sind bekanntermaßen angetreten, Maracatu- u.a. brasilianische Rhythmen mit Bluegrass und Americana-Licks und -Melodien zu verbinden. Immer dann, wenn es auf "The Devil & The Diamond" instrumental bleibt, macht das auch Vergnügen. Wenn sich hier allerdings das immer etwas klagend-seiernde Organ der Sänger (meist Clay Ross) erhebt, möchte man eher abschalten. Verdienstvoll ist es sicher, was Matuto musikalisch anschieben. In der Stadt, wo sich der Name der "Avenue of the Americas" nie durchgesetzt hat, gleichwohl die Musik-Genres des Südens über die Latino-Communities oft lebendiger sind als in der alten Heimat, kann es nie schaden, Gemeinsamkeiten von Nord- und Südamerika zu vertiefen. Und ein schmuckes Cover hat´s hier auch. Der Teufel muss ja vielleicht nicht per Gesang ausgetrieben werden.

     

     
     
     The Ladies at Joe Gibbs  
     17 North Parade / Groove Attack 
     
     
    Die Idee, die Sängerinnen, die bei Joe Gibbs im Laufe der Jahrzehnte aufgenommen haben, auf einer Compilation zu versammeln, gab es schon länger. Erst jetzt aber gaben die Erben des legendären Produzenten ihr Ok dafür. Es geben sich die Ehre: Etwa Judy Mowatt (hier noch als Julie Ann), die später bei Bob Marley als eine der drei I-Threes zu Weltruhm kam. Oder Marcia Aitken - mit "My Man", "Danger In Your Eyes" und "I'm Still In Love With You" (einer Nr. 1 aus den Pop UK-Charts). Oder June 'JC' Lodge mit "Someone Loves You Honey". Besonderes Schmankerl: ein Extended 12" Mix des Althea & Donna-Klassikers "Uptown Top Ranking". Althea ist außerdem noch solo mit "Downtown Thing" zu vernehmen. Summa Summarum 19 Female Artist Songs aus den Jahren 1972 bis 1984, inkl. 12-seitigem Booklet und Liner Notes vom N.Y.-Soundsystem-Veteran Daddy 'Lion' Chandell - das kann sich hören lassen.  
     
     
     Reggae Gold 2013 
     Various Artists - Vp / Groove Attack  
     
     
    Die für 2013 optisch vergleichsweise dezent gestaltete Vp-Werkschau in Sachen "Reggae & Ragga" versammelt auf der ersten CD als Opener Snoop Lion (s.o.) ("Lighters Up" feat. Mavado & Popcaan), Major Lazer ("Jah No Partial" feat. Johnny Osbourne), Sean Pauls "Body", die unvermeidlichen Shaggy (im Duo mit Beres Hammond :"Fight This Feeling") & Sean Paul, Etana vs. Busy Signal (damit gleich f3-ach vertreten) - mit dem Ergebnis "Love, Love, Love", Tarrus Riley mit "Gimme Likkle One Drop", Gyptians "Wine Slow", oder Queen Ifrica mit "Let's Get Silly". Sämtlich Chartsmaterial, aus dem am ehesten noch Signals "You & Me" oder Morgan Heritage mit "Perfect Love Song" hängenbleiben. Auf der zweiten CD gibt es diesmal gut Abgehangenes u.a. von Ini Kamoze, Half Pint, Barrington Levy, Shabba Ranks, Beenieman oder Bountykiller - sogar Desmond Dekkers Initialzündung "Israelites" von 1969 ist dabei, um das Package so richtig prall zu machen. Oha, oder um mit Yellowman zu sprechen: Zungguzungguguzungguzeng... 

     
     
     Total Reggae: Roots / Charts / Dancehall / Ragga 
     Various Artists - Vp / Groove Attack 
     
     

    Interessantester Titel der Nice Price-Serie von VP Records mit jeweils 40 essentiellen Stücken aus den Genres Roots Reggae, Ragga & Dancehall ist ganz eindeutig die Roots-Kopplung. Dennis Brown, Peter Tosh, Gregory Isaacs, Culture, Black Uhuru, Mighty Diamonds, Jacob Miller, The Congos, Third World, The Wailing Souls u.a. - mit zum Großteil - zumindest außerhalb Jamaikas - noch unverbrauchten Tracks, die dennoch zu den Highlights aus Joe Gibbs` Studio (mit ihm & Errol Thompson als Produzententeam) den, legendären Black Ark-Studios (von Lee Perry, auch mit von der Partie) und dem Channel One der Gebrüder Hookim. Einen informativen Überblick liefert auch die verwandte Total Reggae Charts-Kopplung, die 40 Welthits in der jeweiligen Reggae-Version präsentiert. Ragga & Dancehall haben es an dieser Stelle ja etwas schwerer, aber Neueinsteiger und die Genre-Zielgruppen dürften das VP-Angebot zum kleinen Preis attraktiv finden.

     

     
     
     Sattatree - Human Legalization / Midnite - Be Strong / Cornell Campbell meets Soothsayers - Nothing Can Stop Us VINYL-TIPP 
     One Drop Music * Vpal - Fith Son / Groove Attack * Strut - K7/ Alive 
     
     
    Sattatree "in ihrer eigenen Schreibe": "one of the profound rootical reggae-dub bands in this times. Headed by nice melodica playing of Dubsister Lisa, drummer Philipp Wahlstab and lead singer, guitar player, musical composer & arranger Jimmy-I-muze, Jah-Inity of Sattatree began to grow..." Das (von sich) überzeugte Ensemble aus Berlin-Friedrichshain gibt sich bei "Human Legalization" nicht mit einem einfachen Album zufrieden, sondern packt als Dreingabe noch ein ganzes Album mit 10 sogenannten Dub-Versionen drauf. Vor die Dub-Version allerdings hat Jah oder im Zweifelsfall Lee Perry die tragfähige Idee gestellt - jene fehlt hier leider durchweg. Dazu kommen höchst nerviger Gesang mit Fake-Akzent, wiedergekäute Textklischees und uninspiriertes Songwriting. Daumen runter.
    Schaurig- schönes Cosmic Kitsch-Cover. Innen drin: Durchgeistigter Reggae aus der Karibik, aber nicht aus Jamaica: Midnite, die in 20 Jahren erklärtermaßen unglaubliche 54 Alben über verschiedenste Vertriebskanäle veröffentlicht haben, kommen von der Kleinen Antillen-Insel St. Croix, Teil der US-Virgin-Islands. Midnite sind: der Sänger Vaughn Benjamin, sein Bruder Ron Benjamin (Bass, Backing Vocals), Christian Molina (Drums), Edmund Fjeulleteau (Guitar), Edwin Byron (Guitar) und Ras L (Keyboards). Die Bandmitglieder pendelten lange zwischen den USA und ihrer Heimat, wo sie zuletzt wieder im eigenen African Roots Lab-Studio aufnahmen. Auch bei "Be Strong" hier springt der Funke so gar nicht über...
    Lovers-Rocker-Veteran Cornell Campbell wurde für das vorliegende "Inspiration Information"-Serien-Album mit dem in London heimischen Afro-Dub-Kollektiv Soothsayers zusammengebracht, mit denen CC bereits unter der Ägide des jamaikanischen Producers Bunny Lee für die Single "I´ll Never Leave" (und die Soothsayer-Dub-Version "We´re Not Leaving".) zusammenarbeitete. Eine der beiden Parteien zumindest muss sich dann doch vom Fleck bewegt haben. Das sanfte Timbre des Elder Statesman verträgt sich gut mit dem instrumentellen Fusion-Background von Hopcraft, Idris & Co., auch wenn sich das große Highlight unter den 12 Tracks, inklusive eines neu arrangierten 70´s Klassikers von Campbell ("Jah Jah Me No Born Yah", leider nicht findet. Cover-Artwork von Designer Lewis Heriz. Vinyl-Tipp: Die Doppel-LP-Fassung enthält gleich auch die CD-Fassung!!! Very generous. www.soothsayers.net
     




     
     
     The Rough Guide to Psychedelic Brazil / Mediterranean / Flamenco  
     Alle: Various Artists - World Music Network / Harmonia Mundi 
     
     

    1 Während in Europa & Nordamerika Psychedelic Rock nach einem kurzen, heftigen Flirt in der zweiten Hälfte der 60er in einer Vielzahl von neuen Stilen aufging, haben die Südamerikaner eine fortgesetzte Liebesaffäre mit pschedelischen Klängen, innsbesondere brasilianische Musiker. Folgerichtig ist der hier angebotene Querschnitt durch Klänge aus dem Norden bis zum äußersten Süden des Landes meist spannend ausgefallen. Tipps: Tom Zé oder Baby Do Brasil sowie die Bonus-CD: das 1996er Album "A Sétima Enferverscencia" von Jupiter Maca. 2 Compiler Neil Record stützt sich bei seinem Streifzug durch Palette der Anrainerstaaten des Mittelmeerraums, vor allem auf den hauseigenen Katalog und jenen des renommierten Berliner Piranha Labels (u.a. die Reise-Know How-Serie). Kroaten, Türken, Griechen und Albaner einträchtig nebeneinander. Musik verbindet eben. Was auch die Bonus-CD des spanischen Gitarristen Eduardo Niebla mit dem palästinensischen Oud-Spieler Abdel Salameh beweist. Deren Titel: "Mediterraneo".
    3 Kastagnetten raus. Flamenco wird gegenüber der landläufigen Meinung nicht nur in Spanien gespielt und aufgenommen, diesen Beweis tritt die vorliegende Rough Guide-CD mit Aufnahmen aus Cuba, Südfrankreich, von der sephardischen Sängerin Yasmin Levy und aus Barcelona, was sich bekanntermaßen auch nur bedingt Spanien zugehörig fühlt. Von dort kommt u.a. Lenacay, die Nachfolgeband der verblichenen Ojos de Brujo - unser Tipp. Inkl. Bonus-CD von Al Toque Flamenco. Kostenloser Schnupper-Sampler: www.worldmusic.net/free

     
     
      

     
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